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10.08.12 / Männer

Silberne Luftnummern

Fabian Hambüchen bejubelte sein versöhnliches Olympia-Ende mit einem Urschrei, Marcel Nguyen blieb nach seinem zweiten Platz am Barren ganz cool. Mit zwei Silbermedaillen innerhalb einer Stunde feierten Deutschlands Asse am Dienstag einen glänzenden Abschluss der olympischen Turn-Konkurrenzen. Nur knapp 60 Minuten nach Nguyens zweitem Coup in London erkämpfte sich Hambüchen dank einer brillanten Übung am Königsgerät seine zweite Olympia-Medaille am Reck nach Bronze in Peking. 16,400 Punkte waren der verdiente Lohn für seine überragende Übung, nur der niederländische Olympiasieger Epke Zonderland war mit 16,533 Zählern noch besser. „Das ist ein Hammergefühl. Ich bin einfach überwältigt“, sagte Hambüchen stolz.

Die Qualen nach dem Riss der Achillessehne haben sich gelohnt

Die ganzen Qualen nach seinem Achillessehnenriss und dem langen Weg zurück hatten sich gelohnt. „Ich bin einfach wunschlos glücklich. Es war so ein hartes Jahr für mich. Das ist eine Superbelohnung für die Arbeit“, kommentierte der Superstar lächelnd, „dieser zweite Platz steht über dem WM-Titel 2007.“

Die zahlreichen deutschen Fans in der mit 15 000 Zuschauern erneut ausverkauften North Greenwich Arena in London tobten. Nguyen legte sechs Tage nach seinem zweiten Platz im Mehrkampf vor und durfte sich auch an seinem Spezialgerät über Silber und damit die erste deutsche Olympia-Medaille seit 24 Jahren am Barren freuen. Hambüchen wirkte angespannt. Der 24-Jährige wollte es unbedingt allen Kritikern zeigen, die ihn nach seinem 15. Platz im Mehrkampf schon abgeschrieben hatten – und nutzte nervenstark seine letzte Medaillenchance.

In der Vorbereitung auf das Finale hatte er sich mit Freundin Caroline, seinem Vater und seinem Onkel eine Auszeit im Seebad Brighton gegönnt. Hambüchen wollte den Kopf freibekommen. Mit ganz individueller Vorbereitung hatte er sich konsequent auf diesen Tag konzentriert, der kleine Hüpfer beim Abgang spielte keine Rolle. Unmittelbar nach dem nervenzehrenden Olympia-Ende wollten zunächst weder Hambüchen noch Nguyen von einer vermeintlich neuen Hierarchie im deutschen Turnen sprechen. „Keine Ahnung“, sagte Nguyen, „ich habe Fabi auch die Daumen gedrückt.“

Wie Hambüchen turnte der muskelbepackte Mädchenschwarm aus Unterhaching seine schwierige Übung dynamisch durch und musste mit 15,800 Punkten nur dem Chinesen Feng Zhe (15,966 Punkte) den Vortritt lassen. Als letzter deutscher Turner hatte der Leipziger Sven Tippelt 1988 in Seoul Bronze am Barren gewonnen.

Kaum war die Note des als letzten Turners angetretenen Russen Emin Garibow auf der Anzeigetafel erschienen, fielen Belenki und Physiotherapeut Cyrill Salehi dem neuen deutschen Vorturner in die Arme und feierten das nächste Edelmetall. Mit einem breiten Grinsen ballte Nguyen die Faust und winkte Richtung Tribüne. Es war vollbracht, seine Olympia-Mission wurde zu einer unerwarteten Erfolgsgeschichte.

Der Tsukahara-Abgang, den derzeit kein anderer Turner der Welt beherrscht, war der Höhepunkt von Nguyens spektakulärer Übung. Unmittelbar vor dem zweifachen Barren-Europameister war Top-Favorit Feng Zhe an die Holme gegangen und glänzte mit einem noch um 0,2 Punkte höheren Ausgangswert von 7,0. Alle anderen kamen an die Marken der beiden besten Barren-Turner der Welt nicht mehr heran. Auch Platz zwei fühlte sich für Nguyen wie ein Sieg an. Strahlend gratulierte er dem Asiaten bei der Siegerehrung.

Auch der Cottbuser Philipp Boy gehört zu diesem „Silberjahrgang“. Geplagt in der Vorbereitung durch ständige Verletzungen, konnte er bei den Olympischen Spielen nicht sein eigentliches Potenzial abrufen. Doch durch seinen Mehrkampfsieg bei den Europameisterschaften in Berlin und den zwei Silbermedaillen im Mehrkampf bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2011 hat er schon jetzt sein Platz in der deutschen Turngeschichte gefunden.

(dpa/DTL)
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