- Premiumpartner der DTL -

24.11.17 / Frauen

Bye, bye, Marlene Bindig...

Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Erst verpasste der Dresdner SC denkbar knapp den Aufstieg in die Bundesliga, dann rutschten die Sachsen durch den Rückzug der TuS Chemnitz-Altendorf vor zwei Tagen doch noch in die höchste deutsche Turnklasse. Die tragische Komponente der Aufstiegseuphorie: Ausgerechnet die Turnerin, die Dresden in jüngster Vergangenheit das nachhaltigste Gesicht verlieh, wird auf dem Gipfel des Erfolgs nicht mehr mit dabei sein. Marlene Bindig, deutsche Meisterin am Boden von 2015, hat inzwischen ein Studium in Norditalien aufgenommen. Dort kann sie aber nur sehr eingeschränkt und unter komplizierten Bedingungen trainieren. Deshalb zog sie die Konsequenz und erklärte nach dem Heimkampf des DSC ihren Rücktritt vom aktiven Leistungssport.

DTL: Wie schwer war das für Dich, nun endgültig einen Strich drunter zu machen und zu sagen‚ ok, das war es?

Marlene: Ja, schon… es tut weh. Man ist so zusammengewachsen, durch Höhen und Tiefen gegangen. Und gerade mit den Tiefen schafft man ja eine Bindung, wenn man da gemeinsam wieder raus kommt. Ich habe das, glaube ich, bis zum letzten Wettkampf nicht ganz so nah an mich herangelassen. Im ersten Moment danach habe ich mich wirklich wahnsinnig drüber gefreut, dass es so eine super Übung war und dass alles so gut gelaufen ist. Bis dann das Ganze so kurz gekippt ist und ich die Situation tatsächlich realisiert habe, was mir dann schon bisschen die Tränchen in die Augen hat steigen lassen.

DTL: Es ist ja auch ein ziemlich großer Teil deines Lebens, der da jetzt gerade zu Ende ging…

Marlene: Ganz genau. 15 Jahre lang war das so gut wie alles für mich. Man definiert sich ja schon sehr viel über das Turnen und ich glaube dahingehend bin ich ganz froh, dass es jetzt so ein bisschen ausläuft. Dass ich mich eben nicht nur über diesen Sport so definieren, sondern vielleicht auch andere Stärken entdecken kann, die davor immer so ein bisschen neben runtergefallen sind.

DTL: Was waren denn die Dinge, an die du dich heute zurück erinnern kannst, bei denen du heute sagst, alleine dafür hat sich die ganze Arbeit und das ganze harte Training gelohnt?

Marlene: Also natürlich waren das hauptsächlich die Medaillenerfolge bei deutschen Meisterschaften und Jugendmeisterschaften. Am Überraschendesten war für mich in der Altersklasse 14 der Sieg am Boden. Weil da wirklich niemand damit gerechnet hat. Da bin auch ich nicht mit der Erwartung reingegangen. Ich war immer im guten Mittelfeld, aber nie top. Dann natürlich, sich am Boden so herauszukristallisieren und das irgendwie über mehrere Jahre hinweg auch so durchzuhalten. Und schließlich der Deutsche Meistertitel 2015. Das finde ich so toll, dass man sich eben auch als Noname-Turnerin und Nicht-Kaderathlet sich so beweisen kann. Zu wissen, dass es für einen selbst nun die letzten deutschen Meisterschaften sind und sich da nochmal mit einer Silbermedaille am Boden zu verabschieden ist natürlich auch nochmal ein total tolles Karriereende.

DTL: Wenn du jetzt auf deine Turnkarriere zurückblickst, kannst du sagen, der ganze Schweiß, es hat sich gelohnt, du würdest es nochmal machen?

Marlene: Ja, ich würde es nochmal machen. Ich könnte nicht mal sagen, ob ich irgendwas anders machen würde oder irgendwas zusätzlich. Ich habe natürlich immer davon geträumt, mal mit einem Adler auf dem Turnanzug turnen zu dürfen. Aber das habe ich leider nie geschafft. Mit dem Hintergedanken würde ich wahrscheinlich jetzt ein bisschen mutiger an die ganzen Sachen rangehen, ein bisschen kopfloser. Aber das war jetzt nicht so gegeben und deswegen denke ich, ich kann trotzdem wunderbar zufrieden sein mit den Bedingungen und allem Drum und Dran, Ausrufezeichen gesetzt zu haben und vielleicht auch hier und da so das ganze Bodenturnen auch wieder in eine andere Richtung gelenkt zu haben.

DTL: Also, du bist auf jeden Fall bei vielen Fans im Gedächtnis geblieben mit einer der schönsten Bodenübungen, die in Deutschland jemals geturnt wurden...

Marlene (lacht): Das hoffe ich!

DTL: Wie kam es dazu diesen Ansatz zu wählen und voll auf den Ausdruck zu setzen?

Marlene: Ich habe schon als Kind zu Hause bei mir im Zimmer gestanden, mir die Musik reingehauen und irgendwelche Bodenübungen und Choreographien ausgedacht. Ich hatte dann wirklich eine ganz tolle Gymnastiklehrerin und Trainerin, die mich dahingehend ganz gut begleitet hat und in diese Richtung gebracht hat. Dann haben meine Choreographen, mit denen ich am Anfang zusammengearbeitet habe, im Studium in solchen Contemporary-Gruppen getanzt. Das hat mir sehr gut gefallen und wir haben uns gegenseitig immer sehr gut ergänzt. Einfach mal etwas anderes zu zeigen und damit eben aufzufallen. Wenn man eben sonst nicht so glänzen kann durch herausragende oder einzigartige Sprünge und Elemente. Ich glaube das war dann schon so ein angestrebtes Ziel.

DTL: Gab es Tiefpunkte in deiner Karriere, die du gerne missen möchtest?

Marlene: Ob ich die unbedingt missen möchte, weiß ich nicht. Aber es gab natürlich Tiefpunkte. Jeder hat das, z.B. während oder nach meinem Abitur. Die Doppel-Belastung hat mir so zugesetzt. Ich habe mich für diesen Bundes-Freiwilligen-Dienst entschieden und hatte eigentlich überhaupt keine Lust, den anzutreten. Weil ich wusste, ich bin von morgens bis abends nur in der Halle. Und bin dann daran nicht unbedingt mit den besten Voraussetzungen rangegangen. Ich hatte wirklich kein Spaß mehr am Turnen. Ich habe viel geweint, das hat mich sehr emotional alles mitgenommen und das, glaube ich, war so das größte Loch, in das ich hineingerutscht bin. Aber da konnte ich mich zum Glück wieder ein bisschen herausarbeiten, hatte wieder Spaß dran und so war es dann auch

DTL: Ist Hartnäckigkeit eine deiner Stärken? Dich wieder aus einer Sache heraus arbeiten zu können oder was würdest du nun als deine Stärke verkaufen, wenn ich dich morgen einstellen wollen würde?

Marlene (lacht): Ich glaube meine Hartnäckigkeit ist es nicht. Aber das ist eine gute Frage. Ich glaube ich habe einfach einen sehr guten Rückhalt, was meine Familie angeht und bin wirklich eben auch ganz gut darin, mein Team zu motivieren. So dass die es dann wieder schaffen, mich aus einem Loch wieder herauszuziehen. Weil selbst wenn es bei mir schlecht läuft, habe ich immer noch diesen Kümmerer-Instinkt. So dass ich mich dann daran wieder ein bisschen hochziehen kann, wenn es den anderen wenigstens gut geht und ich sie nicht mit runterziehe. Ich glaube, das ist eine Stärke von mir. Obwohl Turnen eigentlich eine Einzelsportart ist, kann ich doch Teamplayer sein.

DTL: Das muss man festhalten, das ist im Turnen eine ganz seltene Eigenschaft. Zu sagen, ‚ich bin ein Teamplayer‘. Es ist ja eher so, dass man da erstmal nach sich selber schaut...

Marlene: Also ich finde halt, wenn die Atmosphäre in der Halle nicht stimmt, dann läuft es bei keinem Turner gut. Und das ist für mich immer eine ganz belastende Situation, wenn ich merke, dass das Team so ein bisschen bröckelt. Gerade auch im Vorfeld von der Bundesliga war ja das Team hier von einigen Verletzungssorgen geplagt. Da hat man natürlich schon gemerkt, dass die Verantwortlichkeiten hin und her geschoben wurden und man nach einem Halt gesucht hat. Das Ganze ist in der letzten Woche wieder so ein bisschen zusammengekommen. Was ich jetzt natürlich nicht nur auf mich zurückführen möchte, weil auch das ganze Team sich so ein bisschen mental erholt hat. Aber ich glaube schon, dass ich da ganz gut mit dazu beitrage.

DTL: Mit Sicherheit. Du bist eigentlich von Anfang bis Ende beim Dresdner SC geblieben oder warst du noch irgendwo anders?

Marlene: Ja genau. Mit vier habe ich bei einem Verein (welchem?) angefangen, die mich mit fünf zum Dresdner SC delegiert haben.

DTL: Du hast den Schritt z.B. jetzt nach Chemnitz zu gehen wie jetzt Pauline Schäfer oder Sophie Scheder, nie gemacht. Warum?

Marlene: Ja, ich hatte immer einen guten familiären Rückhalt und den wollte ich einfach nicht aufgeben. Ich bin im Nachhinein auch ganz froh darüber. Ich kann wirklich nicht sagen, wie es gelaufen wäre, wenn ich nach Chemnitz gegangen wäre. Aber ich kann es nur nochmal sagen, ich habe anderen und mir selbst gezeigt, dass es auch in Dresden möglich ist, den ein oder anderen Erfolg einzufahren.

DTL: Wenn jetzt eine junge Turnerin, die - sagen wir mal beim Dresdner SC - anfängt zu turnen, dich fragt, ‚soll ich das machen‘ oder ‚was soll ich machen‘ oder ‚worauf wird es ankommen, das ich soweit komme wie du?‘. Was würdest du ihr sagen?

Marlene: Dann würde ich ihr sagen, das Chemnitz natürlich viel mehr Trainer hat. Viel mehr Spezialisten für jedes Gerät, die die einzelnen Mädchen natürlich ganz anders vorwärtsbringen können. Wir haben hier im Dresdner SC einen Trainer, der 10 oder 12 Mädchen durch alle Geräte manövriert. Und das ist natürlich auch noch ein Mann, der jetzt bei Gymnastik am Balken und Boden, nicht ganz so den Blick dafür hat, wie es vielleicht eine Frau hätte. Das ist natürlich ganz klar ein Fakt, wo Chemnitz den Vorteil hat. Und wenn man die Möglichkeit bekommt dort hin zu wechseln, mit den ganzen Umständen klarkommt, dass man dann möglicherweise aufs Internat muss, dann würde ich das nicht abraten.

DTL: Was dir nicht geschadet hat. Wenn Marlene was ändern könnte im Turnen allgemein oder in der Deutschen Turnliga im Speziellen - was wäre so dein erster Ansatz, was du ändern würdest? Etwas, was dich schon immer oder in den in den letzten zwei Jahren genervt hat oder gerade heute?

Marlene: Gerade heute hat mich eigentlich nichts genervt, weil ja alles super lief. Ich meine, es ist natürlich so ein bisschen vom Wettkampf-Geschehen ungleichmäßig. Weil vier Mannschaften turnen und dann die nächsten vier Mannschaften. Man hat immer nur ganz kurz einen Überblick, wie ist jetzt aktuelle Stand. Und im Endeffekt ist es dann immer schwierig, selbst wenn der eine ganz vorne ist, und dann als letztes Gerät Barren hat. Das ist uns schon mal passiert. Die ganze Zeit erster Platz, dann sind wir an den Barren gekommen und sind plötzlich Fünfter. Also es ist immer so ein bisschen klar, wenn die am Barren sind, rutschen sie meist meistens noch ein Stück nach hinten. In der 1. Liga jetzt nicht aber bei uns in der 2. Liga sind die Differenzen jetzt auch nochmal größer. Ich glaube, wenn da einfach die Geräte so ein bisschen ausgeglichener wären, ich weiß nicht wie man das Wettkampf-Geschehen anders gestalten könnte, sodass es dahingehend besser wäre. Aber ich glaube man muss auf jeden Fall noch daran arbeiten, dass die Geräte nicht so unausgeglichen sind. Beim Sprung kann man immer top Punkte erreichen.

DTL: Wobei es ja schon bisschen runtergedrosselt ist…

Marlene: Auf alle Fälle. Die Regulierungen sind ja schon durch den neuen Code ein bisschen besser geworden, aber es sind trotzdem noch große Differenzen. Wenn man in die Protokolle guckt, Barren ist fast überall Schwachpunkt.

DTL: Und im Turnen allgemein?

Marlene: Was ich jetzt zum Beispiel grad am Boden sehr schön fand damals, war dieser Long-Schritt nach den Akro-Reihen, wo man eben ohne Abzug noch so einen Ausfallschritt machen konnte. Und eben nicht alles…

DTL: …in den ‚Eimer‘ turnt?

Marlene: Ja genau. Also man das mal bei der amerikanischen Liga oder so betrachtet, da ist es ja wirklich absolut Show, was die dort machen. Und ich finde das könnte man beim Turnen bisschen mehr einbringen. So ein bisschen mehr diesen Show-Effekt, dieses Spielen mit dem Publikum, und so bisschen mehr mitreißen.
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