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13.03.18 / DTL

Wie ein Schneeball im Hochofen...

Interview mit MdB Eberhard Gienger über die Anfänge der Turnbundesliga, ihre Bedeutung heute und die Chancen seiner Reckübung von damals.

Im Gespräch: Eberhard Gienger
Die Deutsche Turnliga feiert Jubiläum. Ein halbes Jahrhundert Wettkämpfe liegen hinter ihr. Dass das kleine Pflänzchen des fortschrittlichen turnerischen Denkens - gegen alle Widerstände - mit der Zeit zu einer erfolgreichen alten Dame mit sportlicher Würde herangereift ist, lässt sich wohl heute von keinem Standpunkt aus mehr bestreiten. Einer der von der ersten Stunde an dabei war, ist Eberhard Gienger. Erfinder des gleichnamigen Salto rückwärts gebückt mit einer halben Längsachsendrehung über die Reckstange und Weltmeister am Königsgerät.

Im Gespräch mit der Deutschen Turnliga erzählt der Bundestagsabgeordnete, mit welchen Schwierigkeiten man damals kämpfen musste, was für ihn die Faszination eines Mannschaftswettkampfs ausmacht und an welchen Stellschrauben man nach seiner Ansicht noch drehen könnte, um die Faszination Turnen weiter ins Rampenlicht zu rücken.

Herr Gienger, wie war das damals für Sie, als die Bundesliga laufen lernte? Wir haben gehört, Ihre Erinnerungen an den ersten Bundesliga Wettkampf sind nicht die Besten, beinahe dramatischer Natur?

«Ich war am Abend vor unserem ersten Bundesliga-Wettkampf mit Jürgen Bischof noch beim Arzt. Dieser hat eine Spritze in die Achillessehne bekommen. Jürgen war Ersatz-Turner in der deutschen Nationalmannschaft in Mexiko 1968 bei den Olympischen Spielen und somit unser Hoffnungsträger für Neckarsulm, mit ihm waren wir die favorisierte Mannschaft. Das weniger Schöne an dieser Verletzung war, dass er nach der Operation ins Koma gefallen ist, weil während der OP offensichtlich ein Schlauch, der die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn garantieren sollte, abgeknickt war.»

Und wie lief unter diesen Umständen dann Ihr eigener Wettkampf?

«Es lief nicht gut. Wir haben diesen Bundesligawettkampf verloren. Ich hatte als letzter Turner am Reck die Wahl: mache ich jetzt einen Doppelschrauben-Abgang oder turne ich einen Hecht mit ganzer Schraube. An diesem Tag habe ich mich für den Hecht mit ganzer Schraube entschieden, den ich normalerweise zuverlässig in den Stand gesetzt hätte. Aber an dem Tag habe ich mich auf den Hintern gesetzt und dadurch haben wir dann den Wettkampf mit drei Zehntelpunkten verloren. Wegen mir! Das war natürlich enttäuschend. Also für mich und die SV Neckarsulm fing die Bundesliga nicht gut an.»

Wie war denn damals so das Standing der Bundesliga in der Turnszene?

Diskutieren mit den Trainern
«Die Bundesliga war immer ein Zankapfel zwischen den Vereinen und den Bundestrainern, weil durch die Bundesliga die Zahl der Wettkämpfe signifikant zunahmen. Durch meine Diplomarbeit stellte sich heraus, dass viele Athleten aus Nationen, die erfolgreich waren, also Japan, UdSSR oder DDR, relativ wenige Wettkämpfe im Jahr bestritten. Die haben sich alle auf die wenigen Höhepunkte wie zum Beispiel Olympische Spiele, Weltmeisterschaften usw. vorbereitet, und absolvierten sechs, sieben Wettkämpfen im Jahr. Wir hatten in Deutschland zwischen 15 und 20 Wettkämpfe. Das Problem damals war, dass wir nicht wie heute einzelne Geräte turnen konnten, sondern wir mussten immer einen Wettkampf mit sechs Geräten abliefern. Dadurch war die Belastung natürlich hoch.»

Den Trainern hat das ähnlich wie heute bestimmt nicht so gefallen…

«Nein, unsere Trainer waren tatsächlich nicht begeistert, dass wir viele Bundesligawettkämpfe bestritten haben. Und trotzdem haben wir es gemacht. Weil es wirklich fantastische Wettkämpfe waren. Die Hallen nicht immer voll, aber wenn wichtige oder entscheidende Wettkämpfe stattfanden, war das mit einer tollen Stimmung verbunden. Es gab damals wie heute auch, ein paar Vereine, ich denke da an Herbolzheim oder Monheim, da musstest du VIEL besser sein um zu gewinnen. Das lokale Publikum war wie ein 'zusätzlicher Turner' für die Heimmannschaft.»

Für jeden Turner ist das doch ein tolles Erlebnis…

«Ja, ich glaube, das war auch der Hauptgrund warum man gesagt hat: wir wollen uns die Bundesliga erhalten. Ein weiterer Grund war, dass viele junge Turner erst mal auf erhöhtem Niveau Luft schnuppern konnten, mit den gestandenen Nationalmannschaftsturnern in einem Zug. Und zum anderen konnten auch die, die ihre Karriere beenden wollten, sich hier langsam aus dem Rampenlicht 'herausturnen'. Es gab also mehrere Gründe, die Bundesliga für uns zu erhalten. Heute ist es, denke ich, einfacher. Man muss nicht die volle Belastung gehen, man kann sagen: ich bin dabei, aber nur an einem Gerät oder zwei Geräten. So gesehen ist die körperliche und geistige Belastung erheblich reduziert.»

Ist die Atmosphäre von heute noch vergleichbar mit damals?

«Die war durchaus ähnlich. Was bei uns aber nicht der Fall war, ist, dass während der Übung so angefeuert wurde. Das kannte ich weniger. Während der Übung herrschte eher Ruhe, aber wenn die Übung zu Ende war, dann ging es los.»

Gienger im Bundestag
Fünfzig Saisons hat die Bundesliga nun Bestand, wie geht es Ihrer Meinung nach weiter? Bleibt sie weiter ein Erfolgsmodell?

«Die Bundesliga stand immer ein bisschen auf der Kippe und die Bundestrainer waren zu keiner Zeit begeistert. Aber das Ergebnis war: Die Turner hatten Spaß an den Mannschaftswettkämpfen, und nicht zuletzt die Öffentlichkeitswirksamkeit, die die Vereine durch interessante Wettkämpfe zumindest lokal bewirkt haben, die konnte man einfach nicht negieren. Deswegen haben die Trainer dies auch akzeptiert und man hat versucht, die Bundesliga ordentlich in unsere Trainings- und Wettkampfplanung 'einzubauen'.»

Und wie macht man das am besten?

«Bei uns war damals die Lösung nach den großen Meisterschaften, also den Olympischen Spielen, nach Weltmeisterschaften, die Bundesligasaison stattfinden zu lassen. Und das hatte dann auch funktioniert. Heute ist es etwas schwieriger, weil Weltmeisterschaften und Europameisterschaften im selben Jahr stattfinden.»

Welchen persönlichen Stellenwert hat die Bundesliga für Sie heute noch? Schauen Sie selbst noch bei Wettkämpfen vorbei?

«Letztes Jahr war ich bei der KTV Obere Lahn, in Heilbronn und in Straubenhardt. Das DTL-Finale habe ich auch angeschaut. Also zumindest das erste Gerät, dann musste ich leider weg. Wenn es sich einrichten lässt, schaue ich mir Bundesligawettkämpfe gerne an.»

Wird die Bundesliga in Öffentlichkeit und Medien ausreichend gewürdigt? Könnte mehr passieren?

«Da könnte noch mehr passieren. Die Turn-Bundesliga ist eine nicht so omnipräsente Liga wie jetzt Fußball oder Handball. Wir versuchen die Wettkampfbelastung niedrig zu halten. In der Bundesliga sind es sieben Wettkämpfe und ein Finale, das ist schon relativ viel. Es wäre natürlich gut, wenn die Medien und das Fernsehen mehr darauf reagieren würden. Aber es ist schwierig eine Bundesliga-Saison, die auseinandergerissen ist, spannend zu gestalten. Da hat man sich gerade an ein Wettkampf-System gewöhnt und schon ist wieder Pause.»

Gibt es Ihrer Meinung nach Stellschrauben, mit denen man das lösen könnte?

«In der zweiten und dritten Bundesliga hat man die Saison wieder zusammenhängend gelegt. Man müsste überlegen, ob das für die erste Bundesliga auch wieder interessant und vor allem mit den Wettkampfhöhepunkten (OS, WM, EM) vereinbar sein kann. Aber häufig ist der Zeitraum, zwischen den Weltmeisterschaften, die im November stattfinden bis Weihnachten sehr, sehr eng. Eine andere Überlegung wäre, ob man eventuell englische Wochen einführt. Das gab es mal, war aber kein Erfolg. Nicht umsonst wird seit 50 Jahren an der Bundesliga herumexperimentiert, werden Veränderungen vorgenommen. Ich gehe davon aus, dass es auch in den nächsten Jahren noch so sein wird.»

Veränderungen ist ein gutes Stichwort. Was halten Sie eigentlich persönlich vom Scoresystem?

«Ehrlich? Ich habe am Anfang gedacht, die haben was an der Waffel. Aber als ich dann gesehen habe, wie die Wertungen und Ergebnisse zustande kommen, habe ich gedacht: ja, das ist eigentlich gar nicht so schlecht. Der Zuschauer hat auf der einen Seite die Möglichkeit mitzuwerten, was man ja früher immer gerne gemacht hat. Auf der anderen Seite bringt man das ganze System auf einen einfachen Nenner, und ich glaube, das ist bei einer so komplizierten und komplexen Sportart wie dem Turnen eine Erleichterung für den Zuschauer. Und deswegen glaube ich, dass dieses Scoresystem kein schlechtes System ist. Es hat sich in den zehn Jahren offensichtlich so bewährt, dass die überwiegende Mehrheit es beibehalten möchte.»

Johann Prass & Eberhard Gienger
Hätten Sie selbst gerne auch noch im Scoresystem geturnt?

«Ja, schon. Warum nicht? Der Kampf Mann-gegen-Mann hat schon etwas und ich hatte keine Angst vor meinen Gegnern. Also, meistens jedenfalls nicht. Außer am Boden, da war ich nicht so gut. Es gab damals Kampfrichter wie der heutige DTL-Ehrenpräsident Jan Prass die über mich gesagt hatten, sie müssten den Bodenteppich anheben, um meine Sprünge sehen zu können. Aber doch, da hätte ich gerne mitgemacht.»

Die Frauen haben die Einführung des Scoresystems erst mal beschlossen und dann wieder auf Eis gelegt. Können Frauen Ihrer Meinung nicht auch im Score turnen?

«Die Wertung bei den Frauen ist ja noch komplizierter als bei den Männern, zum Beispiel durch die Choreographie am Boden oder am Schwebebalken. Da ist es vielleicht schwieriger, ein Scoresystem durchzuführen. Ich kenne die Beweggründe der Frauen nicht, aber sie haben sicherlich ihre Gründe, warum sie es wieder auf Eis gelegt haben. Es ist aber gut, dass es für die Frauen auch eine Bundesliga-Saison gibt.»

Dienstflug im Anzug
Ist das Turnen heute viel komplizierter als damals?

«Man kann das nicht so richtig vergleichen. Wenn wir damals die Wertungsvorschriften gehabt hätten von heute, hätten wir an diesen Wertungsvorschriften orientiert. Wir hatten aber andere Wertungsvorschriften und deswegen haben wir eben an diesen orientiert. Das lässt sich daher auch nicht vergleichen. Aber wenn man objektiv die Leistungen von damals mit den heutigen zu vergleichen versucht, dann hätte ich mit meiner Weltmeisterschaftskür, mit der ich 1981 nochmal Vizeweltmeister wurde, da heute wohl eine Chance wie ein Schneeball im Hochofen, bei Deutschen Meisterschaften ins Finale zu kommen.»

Was waren für Sie die schönsten Momente in der Bundesliga und was ist für Sie noch heute besonders schön an Ligawettkämpfen?

«Besonders schön war immer, wenn das Haus voll und der Gegner ebenbürtig war. Wenn es tatsächlich darum ging, wer zum Schluss die Nase vorne haben wird. Das waren dann spannende Wettkämpfe, und wie heißt es so schön, 'man wächst mit der Aufgabe.' Und wenn man weiß, das Publikum turnt mit dir mit, dann kannst du dich darauf einlassen und gemeinsam mit ihm einen guten Wettkampf abliefern. Also solche Wettkämpfe waren immer toll und spannend. Und genau das hat mich auch immer gereizt. Das ist das Schöne daran, in einer Mannschaft zu turnen. Bundesligawettkämpfe waren für mich aber auch Möglichkeiten, bei denen man neue Elemente ausprobieren konnte.»

Gibt es einen bestimmten Mannschafts-Moment, der Ihnen im Gedächtnis hängen geblieben ist?

«1976 hat bei den Olympischen Spielen im Pflichtwettkampf unser erster Turner an den Ringen zum ersten Mal in seinem ganzen Leben einen Kreuzhang gehalten. Wir saßen unten und brauchten jemand, der uns den Unterkiefer wieder hochgeklappt hat. Der hat da zum ersten Mal den Kreuzhang gehalten. Das hat uns andere motiviert, dass wir besser geturnt haben als wir eigentlich konnten. Und das ist das Geheimnis eines Mannschaftswettkampfs. Man turnt nicht für sich alleine, sondern mit anderen zusammen und lässt sich von ihnen inspirieren.»

Das bedeutet aber, dass in der Bundesliga die Leistungen ständig durch die Decke schießen müssten…

«Nicht unbedingt, denn in die andere Richtung geht das genauso. Wenn einer schlecht turnt, und der zweite und dritte Turner auch, dann turnst du auch nicht Deine beste Übung. Aber das ist ja gerade das Interessante an Mannschaftswettkämpfen. Das macht ihren Reiz aus!»

Mit Eberhard Gienger sprach Kathrin Baumann von der Deutschen Turnliga (DTL)
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