2. BUNDESLIGA | RSG
Auf den Kopf gestellt: Wie Marie Kussi RSG neu denkt

Kussi beginnt in Höhr-Grenzhausen, wechselt bald nach Leverkusen, fährt fast täglich mit dem Zug, trainiert bis zu drei Einheiten am Tag. Sie schafft es in die Junioren-Nationalmannschaft, trainiert auch in Berlin. Ihr Traum scheint greifbar. Dann der Unfall: Beim Sichern am Sprungtisch bricht sie sich den Rücken, trägt über ein Jahr lang ein Korsett, kämpft gegen Schmerzen und Einschränkungen. «Mein Ende im Leistungstraining kam plötzlich und nicht selbstbestimmt», sagt sie. Für viele wäre das der Schlusspunkt gewesen. Für sie nicht.
Ein Team für die Bundesliga
Als die Deutsche Turnliga die Bundesliga der Rhythmischen Sportgymnastik ins Leben ruft, ist Kussi sofort dabei. Auch wenn ihr Verein damals keine älteren Gymnastinnen hat, setzt sie alles daran, eine Mannschaft aufzustellen. Sie sucht, spricht junge Frauen an, die in ihren Heimatvereinen keine Perspektive haben. «Wir sind ein Sammelbecken», sagt sie. Aus der Idee entsteht ein Team, das schnell zu einer Einheit zusammenwächst. Viele der Gymnastinnen wohnen weit verstreut, in Deutschland und den Niederlanden, doch sie leben zeitweise gemeinsam im Vereinsheim, verbringen Trainingslager und Freizeit miteinander. «Wir sind nicht nur eine Mannschaft, sondern eine Freundesgruppe.»

Die Bundesliga ist für Kussi mehr als ein Wettbewerb. Sie sieht darin eine Möglichkeit, Gymnastinnen im Sport zu halten, wenn Schule oder Studium drängen. «In Deutschland ist es oft so: Entweder man ist in der Nationalmannschaft oder man hat keine Chance mehr. Die Bundesliga gibt die Möglichkeit, dranzubleiben.» Zugleich fordert sie Reformen. Zwei Wettkämpfe pro Saison seien zu wenig. «Ein schlechter Tag kann sofort den Abstieg bedeuten. Sechs Wettkämpfe wären ein guter Rahmen.»
Mehr Show wagen
Kussi denkt den Sport grösser. RSG sei Ausdruck, Show, Emotion. «Warum nicht Livemusik in Pausen oder Kooperationen mit lokalen Gruppen?» Für sie liegt hier ein Schlüssel, um mehr Zuschauer anzusprechen. Auch der Begriff Bundesliga helfe: «Früher musste ich erklären, was RSG überhaupt ist. Heute sage ich: Wir sind Bundesliga. Und die Leute verstehen, dass es Leistungssport ist.»

Wenn Marie Kussi nicht in der Halle steht, geniesst sie Ruhe, Filme oder Reisen nach Barcelona. Doch richtig loslassen kann sie nicht. Ihre Studien in Werkstofftechnik und sportmedizinischer Technik verbindet sie längst mit ihrer sportlichen Erfahrung. Vielleicht, sagt sie, könne sie eines Tages mit Prothesen oder Orthesen anderen helfen, Bewegungen zurückzugewinnen. Doch im Zentrum steht weiter die RSG. «Ich bin noch nicht bereit, mit dem Sport abzuschliessen.»

Neustart in der Zweiten Liga
Die vergangene Saison endete für STEH KOPF! enttäuschend: Punktgleich mit Fortuna Berlin musste die Mannschaft den direkten Abstieg hinnehmen. Acht Monate später steht nun die neue Saison vor der Tür – mit neuen Gegnern und neuen Aufgaben. In der 2. Bundesliga warten die SG Gütersloh-Bielefeld, die TG Münsterland, das Team Hessen-Bayern und die Schwerter Turnerschaft. «Wir wollen zeigen, dass wir zurückkommen können», sagt Kussi. Für STEH KOPF! ist es die nächste Chance, den Aufstieg ins Oberhaus wieder ins Visier zu nehmen. Marie Kussi ist 28 Jahre alt. Sie hat Rückschläge überstanden und neue Wege gefunden. Ihr Verein STEH KOPF! trägt den Namen, der Programm ist: auf den Kopf stellen, Dinge anders machen – und immer wieder auf die Füsse fallen.