2. BUNDESLIGA | RSG
Auf den Kopf gestellt: Wie Marie Kussi RSG neu denkt

Es beginnt mit einem Sommerfest. Die fünfjährige Marie Kussi ist mit ihren Eltern zu Freunden eingeladen, in deren Familie eine Tochter Rhythmische Sportgymnastik betreibt. Man geht gemeinsam in die Halle, um sich ein Training anzusehen. Stunden vergehen, während das Kind regungslos auf der Bank sitzt und zusieht, ohne ein Wort zu sagen. «Wollen wir gehen?», fragt die Mutter immer wieder. «Nein», sagt Marie jedes Mal. Für sie steht fest: Sie will das auch machen, diese Mischung aus Tanz, Akrobatik und Disziplin, die sie von der ersten Minute an fesselt. Heute, fast 23 Jahre später, erzählt sie die Geschichte mit einem Lächeln. Es ist der Anfang eines Lebens, das nicht nur durch Höhen, sondern auch durch tiefe Brüche geprägt ist – und das sie in die Bundesliga führte, mit einem Verein, der auf den ungewöhnlichen Namen «STEH KOPF!» hört.

Sie ist der Kopf, das Herz und die Antriebsfeder des Zweitligisten «Steh Kopf!»: Gymnastin und Trainerin Marie Kussi.

Kussi beginnt in Höhr-Grenzhausen, wechselt bald nach Leverkusen, fährt fast täglich mit dem Zug, trainiert bis zu drei Einheiten am Tag. Sie schafft es in die Junioren-Nationalmannschaft, trainiert auch in Berlin. Ihr Traum scheint greifbar. Dann der Unfall: Beim Sichern am Sprungtisch bricht sie sich den Rücken, trägt über ein Jahr lang ein Korsett, kämpft gegen Schmerzen und Einschränkungen. «Mein Ende im Leistungstraining kam plötzlich und nicht selbstbestimmt», sagt sie. Für viele wäre das der Schlusspunkt gewesen. Für sie nicht.

Ein Team für die Bundesliga

Als die Deutsche Turnliga die Bundesliga der Rhythmischen Sportgymnastik ins Leben ruft, ist Kussi sofort dabei. Auch wenn ihr Verein damals keine älteren Gymnastinnen hat, setzt sie alles daran, eine Mannschaft aufzustellen. Sie sucht, spricht junge Frauen an, die in ihren Heimatvereinen keine Perspektive haben. «Wir sind ein Sammelbecken», sagt sie. Aus der Idee entsteht ein Team, das schnell zu einer Einheit zusammenwächst. Viele der Gymnastinnen wohnen weit verstreut, in Deutschland und den Niederlanden, doch sie leben zeitweise gemeinsam im Vereinsheim, verbringen Trainingslager und Freizeit miteinander. «Wir sind nicht nur eine Mannschaft, sondern eine Freundesgruppe.»

Basisdemokratie und außerordentlicher Teamspirit: Gemeinschaftsgefühl wird bei «Steh Kopf!» ganz besonders großgeschrieben.

Die Bundesliga ist für Kussi mehr als ein Wettbewerb. Sie sieht darin eine Möglichkeit, Gymnastinnen im Sport zu halten, wenn Schule oder Studium drängen. «In Deutschland ist es oft so: Entweder man ist in der Nationalmannschaft oder man hat keine Chance mehr. Die Bundesliga gibt die Möglichkeit, dranzubleiben.» Zugleich fordert sie Reformen. Zwei Wettkämpfe pro Saison seien zu wenig. «Ein schlechter Tag kann sofort den Abstieg bedeuten. Sechs Wettkämpfe wären ein guter Rahmen.»

Mehr Show wagen

Kussi denkt den Sport grösser. RSG sei Ausdruck, Show, Emotion. «Warum nicht Livemusik in Pausen oder Kooperationen mit lokalen Gruppen?» Für sie liegt hier ein Schlüssel, um mehr Zuschauer anzusprechen. Auch der Begriff Bundesliga helfe: «Früher musste ich erklären, was RSG überhaupt ist. Heute sage ich: Wir sind Bundesliga. Und die Leute verstehen, dass es Leistungssport ist.»

Wünscht sich mehr Mut und mehr Show bei der Ausrichtung von RSG-Wettkämpfen: Vereinsvorsitzende Marie Kussi vom Zweitligisten «Steh Kopf!».

Wenn Marie Kussi nicht in der Halle steht, geniesst sie Ruhe, Filme oder Reisen nach Barcelona. Doch richtig loslassen kann sie nicht. Ihre Studien in Werkstofftechnik und sportmedizinischer Technik verbindet sie längst mit ihrer sportlichen Erfahrung. Vielleicht, sagt sie, könne sie eines Tages mit Prothesen oder Orthesen anderen helfen, Bewegungen zurückzugewinnen. Doch im Zentrum steht weiter die RSG. «Ich bin noch nicht bereit, mit dem Sport abzuschliessen.»

Ist noch nicht bereit, mit dem Sport abzuschliessen: Trainerin Marie Kussi vom Zweitligisten «Steh Kopf!».
Neustart in der Zweiten Liga

Die vergangene Saison endete für STEH KOPF! enttäuschend: Punktgleich mit Fortuna Berlin musste die Mannschaft den direkten Abstieg hinnehmen. Acht Monate später steht nun die neue Saison vor der Tür – mit neuen Gegnern und neuen Aufgaben. In der 2. Bundesliga warten die SG Gütersloh-Bielefeld, die TG Münsterland, das Team Hessen-Bayern und die Schwerter Turnerschaft. «Wir wollen zeigen, dass wir zurückkommen können», sagt Kussi. Für STEH KOPF! ist es die nächste Chance, den Aufstieg ins Oberhaus wieder ins Visier zu nehmen. Marie Kussi ist 28 Jahre alt. Sie hat Rückschläge überstanden und neue Wege gefunden. Ihr Verein STEH KOPF! trägt den Namen, der Programm ist: auf den Kopf stellen, Dinge anders machen – und immer wieder auf die Füsse fallen.

Will mit großem Elan und «Steh Kopf!» auf jeden Fall wieder zurück in die erste Liga: Gymnastin Marie Kussi.
27. August 2025
von Nils B. Bohl

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