KOMMENTAR
Dominanz und Aufbruch
Ein Kommentar von Nils B. Bohl

Es gibt Momente, in denen eine Sportlerin das gesamte Bild einer Weltmeisterschaft prägt. Rio de Janeiro hat das eindrucksvoll gezeigt: Darja Varfolomeev, die längst zur unangefochtenen Nummer eins der Rhythmischen Sportgymnastik geworden ist, hat auch am Zuckerhut die Grenzen verschoben. Fünf von sechs möglichen Titeln, ein ausnahmsloser Glanz in fast jedem Finale, ein Repertoire, das Präzision und Leichtigkeit so selbstverständlich vereint, dass die Konkurrenz mitunter ehrfürchtig wirkt. Dass sie einmal nicht ganz oben stand, mit dem Reifen, passte eher in die Dramaturgie als ins Bild eines vermeintlich unfehlbaren Jahres. Doch wer die WM in Rio nur auf Varfolomeevs Triumphe reduziert, verkennt die Breite des deutschen Erfolgs. Anastasia Simakova, gerade erst ins Rampenlicht gerückt, bewies, dass hinter der Olympiasiegerin eine zweite Stimme heranwächst. Ihr sechster Rang im Mehrkampf war mehr als ein Achtungserfolg – es war ein Versprechen.

In den Finalwettkämpfen deutete sie mit ihrer Bronzemedaille an, wie viel Potenzial in ihr steckt. Und auch, dass die deutsche RSG nicht allein auf einer Ausnahmeathletin ruhen muss. In dieser Perspektive gewinnt Rio eine zweite Dimension: Es war nicht nur eine Weltmeisterschaft, es war ein Prolog. Ein Jahr vor Frankfurt, wo die Heim-WM 2026 die Festhalle zur Arena der Weltelite machen wird, haben Varfolomeev und Simakova die Rollen verteilt. Die eine als souveräne Königin, die andere als selbstbewusste Herausforderin im eigenen Team. Frankfurt wird von beiden Gesichter tragen – und von der Erwartung, dass dieses deutsche Doppel mehr ist als eine Episode.

Rio hat gezeigt, wie stabil Varfolomeev längst ist und wie ernst Simakova genommen werden muss. Frankfurt wird im kommenden Jahr zeigen, ob aus dieser Konstellation ein Kapitel entsteht, das den vermeintlichen Nischensport hierzulande nachhaltig verändern kann.

24. August 2025
von Nils B. Bohl

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