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Im Schwarzwald nichts Neues

Eine Turnhalle hat Steve Woitalla schon seit Wochen nicht mehr von innen gesehen. Denn Training findet beim Meister KTV Straubenhardt derzeit nicht statt. «Es gibt absolut gar nichts. Noch nicht einmal mit zwei kleinen Kaderathleten», berichtet er. Seit in den Trainingshallen nicht mehr geschwitzt wird, steht Woitalla beim Hauptsponsor Polyrack an der Maschine. Medizintechnik herstellen im Schichtbetrieb. «Für mich ist es das erste Mal im Leben, dass ich regelmäßig acht Stunden am Stück arbeite. Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass ich so einen festen Ablauf habe», erzählt der KTV-Coach.

GES/ Turnen/ DTL-Finale der Maenner, 30.11.2019
Malochen statt Motivieren: Steve Woitalla (KTV Straubenhardt)

Da sei selbst in Sachen eigener Fitness erst einmal recht wenig gegangen. «Weil der Körper das ganz anders wahrnimmt. Im Sport arbeiten zu können, ist schon ein Privileg», reift bei dem 31-Jährigen die Erkenntnis. Er beginne langsam zu begreifen, wie hart die Arbeiter schuften müssten, damit eine Firma überhaupt die Möglichkeit bekomme, im Sponsoring tätig zu werden. «Da rackern hunderte Leute acht Stunden täglich. Und erst dann kann ein Firmenchef überlegen, ob er etwas für den Sport leisten kann oder nicht. Wären aber diese Menschen nicht, hätte er gar keine Möglichkeit, über so etwas nachzudenken», sagt der frühere Junioren-Europameister am Barren. Insofern findet es Woitalla als hilfreich, einmal einen ganz anderen Blickwinkel zu bekommen. «Da lernt man das alles viel mehr zu schätzen», räumt er ein. Am Beispiel des seit sechs Wochen geschlossenen Hotel Adlerhof, in dem sonst die Bundesligaturner in Straubenhardt übernachten, erläutert der Cottbuser, was ihn im Moment bewegt. «Wenn Du Freunde hast, deren Geschäfte zu sind, wenn die Rechnungen rein flattern, Du aber keine Einnahmen hast und Vieles in Richtung großer Probleme schwimmt, da merkt man irgendwann, dass der Sport plötzlich absolut belanglos wird», sagt er nachdenklich. «Selbst die Fußball-Bundesliga ist ja schon soweit, dass es eigentlich niemanden mehr groß interessiert, ob jetzt der FC Bayern oder Borussia Dortmund Meister wird», glaubt Woitalla. Weil die Entwicklung so drastisch verlaufen sei, hätten solcherlei Dinge weitgehend an Bedeutung verloren. «Und wenn die Geisterspiele tatsächlich kommen, dann doch nur, um noch ein bisschen Geld für die Rettung der Vereine hereinzubekommen».

Ob es 2020 noch einmal an die Geräte geht? Woitalla mag es nicht glauben. «Ich gehe davon aus, dass im laufenden Jahr nicht mehr geturnt wird. Diesen Sport ohne Zuschauer zu betreiben, das macht für mich einfach keinen Sinn. Und ich denke, Zuschauer wird es in diesem Jahr nicht mehr geben. Dann auf Biegen und Brechen ein DTL-Finale zu erzwingen, das sollte man nicht tun», warnt er. Der Sport, vermutet Woitalla, werde noch einige Zeit unter den Folgen der Corona-Krise zu leiden haben. «Es wird definitiv so kommen, dass wir Abstriche machen müssen. Der ein oder andere Sponsor wird uns sicher sagen, dieses Jahr ist die oder jene Leistung erst einmal nicht möglich», sagt er.

Eine gewisse Bedeutungslosigkeit wird der Sport nach Woitallas Ansicht noch bis Mitte nächsten Jahres behalten. «Die Sachen, die da auf uns eingeprasselt sind, davon erholen wir uns ja nicht von heute auf morgen. Die Menschen werden Monate brauchen, bis sie aus dem Minus wieder mal wenigstens auf Null kommen. Das wird sich auch auf den Sport niederschlagen». In Straubenhardt haben sie daher bereits vorgebeugt. «Wir haben unsere Athleten kontaktiert und bereits Vereinbarungen getroffen. Wir werden alle auf einen gewissen Prozentsatz unserer Bezüge verzichten. Das ist ein kleiner Schritt, dem die Jungs auch sofort zugestimmt haben. So können wir den Sponsoren schon jetzt entgegenkommen und die finanzielle Belastung ein klein wenig verringern».

Einen Lichtblick gibt es dann aber auch für den Coach des siebenfachen Meisters zu vermelden. «Für die Top-Athleten hat sich die Situation seit der letzten Woche ein bisschen aufgeweicht. Marcel Nguyen kann in Stuttgart wieder unter bestimmten Einschränkungen turnen. Auch Andreas Bretschneider kann in Chemnitz wieder an die Geräte, Nick Klessing hatte in Halle/Saale ohnehin weniger Probleme mit dem Training», zählt Woitalla auf. Doch der Zeitfaktor arbeitet seit Wochen gegen seine Turner. «Andreas Toba hat einmal gesagt, für eine Woche, die Du frei hast, brauchst Du drei Wochen, um wieder auf den alten Stand zu kommen. Wir reden jetzt schon über sechs Wochen Pause», rechnet Woitalla vor. Doch angesichts der allgemeinen Situation sei eben auch das nur ein Jammern aus einer komfortablen Position. «Selbst wenn man keine Wettkämpfe oder kein gemeinsames Training machen kann - man spürt als Sportler eben doch, dass andere noch viel schlimmer dran sind», sagt er.

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